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Am nächsten Tag saß ich vor meinem Zimmer im Freien und trank Kaffee. Ich bat Farouk und die anderen, mit mir eine Tasse Kaffee zu trinken. Sie waren begeistert, dass ich Trockenmilch und Kaffeepulver bei mir hatte und gesellten sich schnell zu mir. Gierig löffelten sie die Milch in die Plastikbecher und übergossen sie mit heißen Wasser. Die Hausmutter servierte uns kleine Bananen. Es war etwas verregnet, doch friedlich.

Bald fiel mir ein kleiner Junge auf, der mich flüchtig begrüßte und schnell wieder verschwand. Er hatte einen deformierten Kopf und unnatürlich gebildete Ohren. Ich fragte Isaac, warum er denn nicht in der Schule wäre, wie alle anderen Kinder zu dieser Zeit. Isaac erklärte mir, dass viele Menschen in Uganda nicht auf ihn reagieren würden, da behinderte Kinder in Uganda keine Chance hätten und ohnehin früher oder später betreut werden müssten bzw. betteln oder sterben müssten. Zudem könnte es sich keiner leisten, ihn in eine Schule zu schicken, da eine Sonderschule das Fünffache von einer normalen Schule kostete. Ich war entschlossen, dies nicht auf mir sitzen zu lassen. Martin, so sein Name, sollte ebenso eine Chance erhalten wie alle anderen Kinder. Ich teilte dies den Guys (so nannte ich die jungen Männer) mit und sie waren begeistert. Wir unterhielten sich darüber, eine gute und angemessene Schule für ihn zu finden. Farouk und Isaac erzählten mir auch, dass sie ab und zu Essen für Kinder sammelten, die es dringender benötigten als sie. Sie brachten es dann ins Dorf und spendeten es armen Menschen.

Wir fuhren einen Tag später mit den Mopeds (es war völlig normal, dass drei bis vier Menschen gemeinsam darauf saßen) zu einer Sonderschule, die sich jedoch ausschließlich um geistig beeinträchtigte Kinder kümmerte. Die Direktorin meinte, dass diese Schule nicht die richtige für Martin wäre, da er geistig gesund war. Schließlich war Martin nur seh- und hörbeeinträchtigt. Sie gab uns daher eine Adresse für eine Schule, die für gehörlose Kinder in Jinja gegründet worden war. Da ich an diesem Tag leider nicht mit den Jungs mitfahren konnte, sollten sie eigenständig Fotos machen und mir von der Schule berichten. Währenddessen führte ich Interviews für meine Masterarbeit durch (über Mikrokredite).

Als wir uns am Abend wieder trafen, schwärmten sie von der Schule in Jinja. Sie meinten, dass es absolut der richtige Ort für Martin sei. Mitgebracht hatten sie auch eine Liste mit Dingen, die Martin für jedes Trimester benötigen würde.Darauf stand unter anderem: Bücher, Toilettenpapier, Bleistifte, Plastikbecher, Plastikteller, etc. Auch sollten wir eine Matratze, eine Decke und einen Polster, eine Waschschüssel und ein Moskitonetz besorgen.

Am nächsten Tag kauften wir die oben genannten Dinge in der Stadt und brachten sie vorübergehend in das Zimmer von Isaac und Farouk, damit Martin nichts mitbekommen würde (es sollte eine Überraschung sein, da er schon seit langer Zeit davon träumt, eine geeignete Schule besuchen zu dürfen).

Den Tag darauf überraschten wir also Martin mit der Nachricht, dass er nun in die Schule gehen dürfe. Da Martin meistens bei seiner Schwester lebte, waren sie sehr froh, dass er endlich ein Internat besuchen durfte, da seine Schwester sich nicht gewachsen fühlte, für ihn aufzukommen. Sie war eine „Verrückte“ (so nannten sie die Menschen, die nicht diagnostizierte, psychische Krankheiten hatten. Psychiater und Therapeuten gab es für normale Menschen nicht).

Er und die anderen brachten ihn am Montag in die Schule und ich besuchte ihn einen Tag darauf. Und tatsächlich: sie hatten ihr Wort gehalten, hatten das ganze Geld, das ich ihnen gegeben hatte, wirklich an die Schule weitergegeben und sagten auch die Wahrheit über die Zustände in der Schule. Es war ein gutes Internat für die Verhältnisse in Uganda. Martin umarmte mich glücklich als er mich sah und zeigte mir begeistert sein neues Zimmer, das er mit ca. 20 anderen Kindern teilte.

Ich kämpfte mit meinen Tränen und war überglücklich. Ich konnte einem kleinen Menschen die Schulbildung ermöglichen! Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich wirklich nützlich und gebraucht.

Ich lud die jungen Männer zu einem Essen ein, da ich sehr stolz auf sie war. Ich schlug ihnen vor, weiterhin Taten wie diese durchzuführen. Meine Idee wurde freudig aufgenommen und weitergesponnen, nachdem auch sie Ideen einbrachten und wir zusammen ein Gerüst formten, das eine eigene Organisation zum Ziel hatte. Ich allein trank Bier. Die anderen hatten niemals zuvor den Drang, Bier zu probieren. Also trank ich allein und bestellte sogleich das zweite (Nile ist ein sehr starkes Bier, ups). Etwas angeheitert fuhren wir zurück zur Organisation und ich legte mich bald nieder, um meinen winzigen Rausch auszuschlafen (haha).

 

 

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