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Am nächsten Morgen lernte ich Farouk, Isaac, Ronald und Edrine kennen. Dabei handelt es sich um junge Männer, die zwischen 20 und 23 Jahre alt waren. Auch sie lebten in der Organisation, da sie vor einigen Jahren als Waisenkinder aufgenommen wurden. Da sie bis dato noch keine Arbeit gefunden hatten, beschloss die Organisation von Elli

 

, ihnen länger Unterkunft zu gewähren (obwohl dies in Uganda nicht üblich war. Mit 18 hat man das Haus der Eltern zu verlassen und selbstständig zu sein). Isaac war eine Ausnahme. Er war beinahe blind und deshalb nicht fähig für Unterhalt aufzukommen. Obwohl er sehr intelligent und vernünftig erschien, ist es ihm in Uganda unmöglich, einem ordentlichen Beruf nachzukommen.

Die Guys erzählten mir vorsichtig, dass sie bereits im August das Waisenhaus verlassen würden, da sie einfach schon zu alt geworden sind und nicht länger unselbstständig sein wollten. Sie würden dann gemeinsam ein Business gründen, wie sie damals glaubten.

Edrine hätte nicht das Geld besessen, die Volksschule ganz abzuschließen. Deshalb ist sein Englisch eindeutig am schlechtesten. Als er mir eines Morgens seine Lebensgeschichte erzählen wollte, verstand ich ihn nicht. Ich bat ihn, langsam zu sprechen und einiges zu wiederholen, doch es hatte keinen Sinn. Aus Höflichkeit und Respekt nickte ich schlussendlich, so als ob ich alles verstanden hätte. Dann war er erleichtert und freute sich darüber. Die Informationen, die ich nicht verstand, holte ich heimlich von den anderen Männern ein. Edrine war ein sehr armes Kind, das ein sehr schweres Leben zu meistern hatte. Seine Mutter kannte er kaum, da sie ihn weggegeben hatte, um selbst zu überleben. Er hatte also kaum einen Menschen, der ihn aufrichtig liebte. Er kann allerdings wahnsinnig gut balancieren. Niemals zuvor sah ich einen Menschen, der so viel erlebt hatte und dennoch so leichtfüßig über ein Seil schwebte, das zwischen zwei Bäumen gespannt war. Er sprang, lief und ging rückwärts darüber, als wäre es das einfachste der Welt. Auch sollte ich einmal mit voller Kraft am Seil schütteln und versuchen ihn abzuwerfen. Doch ich hatte keine Chance. Er blieb stolz und lachend auf dem Seil „kleben“. Eine volle Stunde zeigte er mir die verrücktesten Kunststücke. Ich war fasziniert und applaudierte eifrig.

Danach schlug Edrine vor, das Dorf, in dem seine Tante und sein Bruder wohnten, zu besichtigen. Ich war gespannt und willigte sofort ein. Farouk begleitete uns. Es war nicht sehr weit weg, doch die Sonne schien sehr stark auf unsere Köpfe, sodass ich bald müde und erschöpft war.

Irgendwann erlaubten sie sich einen Spaß mit mir, indem sie mir rote Chili-Schoten zeigten, die angeblich überhaupt nicht scharf sein würden. Sie pflückten sie und forderten mich auf, sie zu kosten. Mutig nahm ich sie und stopfte sie als Ganze in meinen Mund. Eifrig biss und kaute ich daran, ehe etwas Unangenehmes meine Mundhöhle ausfüllte. Ein Feuer, das dem Fegefeuer glich, hatte sich in meinem Mund ausgebreitet und verbrannte meine gesamte Zunge. Ich schrie und hüpfte vor Schmerz auf und ab und warf ihnen Schimpfwörter auf Deutsch an den Kopf, da ich nicht mehr in der Lage war, sie vorher zu übersetzen. Sie lachten mich aus und klopften mir bald auf die Schulter. „Brave, little girl!“ Ich knurrte.

Das Dorf war nicht mehr weit. Als wir ankamen, bemerkte ich den kohleartigen Gestank in der Luft. Die Häuser bestanden beinahe alle aus Lehm, der teilweise von den Wänden bröckelte. Einige Häuser hatten nicht einmal ein Dach. Viele Tiere standen angebunden daneben und fraßen schlechtes Stroh.

Die meisten Menschen saßen draußen auf einer Plastikablage und sahen mich fasziniert an. Sie wuschen, kochten oder verkauften Kleinigkeiten, während sie den ganzen Tag auf der selben Stelle saßen. Strom oder Wasser gab es nicht. Die Frauen trugen Plastikkanister auf ihren Köpfen, um Wasser in ihr Heim zu holen. Die Kinder winkten mir vergnügt zu und liefen mir einige Meter nach, um mich zu bestaunen. „Musungo!“, schrien sie aufgeregt. „Die Weiße!“

Schon bald blieben wir an einer Bruchbude stehen und Edrine stellte mir seine Verwandten vor. Im winzigen Haus selbst war kaum etwas. Bloß eine alte, dreckige und kaputte Couch stand darin und diente als Bett. Auf einem kleinen Holzregal waren Plastikteller und Becher. Dicke Fliegen schwirrten durch den verrauchten Raum. Peter, so der Name von Edrines Bruder kam aus einer dunklen Ecke, die mir vorher nicht aufgefallen war und stellte sich schüchtern vor. Edrines Tante bot uns einen Tee an und schnitt uns verschiedene Früchte zurecht, die sie uns liebevoll auf einen Teller legte. Diese Gastfreundschaft überwältigte mich. Niemals hätte ich gedacht, dass derartig arme Menschen einem reichen Mädchen aus Österreich neidlos etwas schenken würden. Als ich ihr ein bisschen Geld für ihre Gaben anbot, verneinte sie lächelnd. Die Frau sprach kein Englisch, doch übersetzten mir die Jungs das wichtigste.

 

 

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