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Am nächsten Morgen trafen wir uns erneut für weitere Gespräche (nun schon mit Notizblock und Stift). Auch stand zum Thema eine Augenoperation, die Isaac dringend benötigen würde, um nicht vollkommen blind zu werden. Ich meinte, dass ich auch dafür aufkommen möchte, bevor wir weiteren Kindern helfen. Isaac war empört über diesen Vorschlag und meinte:

„Was? Das kannst du den Kindern nicht antun. Sie brauchen Bildung. Ich jedoch brauche keine Augen. Ich war bereits mein halbes Leben blind. Kümmern wir uns doch bitte zuerst um die Kinder, danach um mich!“

Ich hoffte, dass er mein Gesicht nicht erkennen konnte, da ich den Tränen nah war. Ich habe niemals zuvor einen Menschen kennengelernt, der so selbstlos handelte wie Isaac. Ich konnte es kaum glauben. Diese Worte brachten mich dazu, ihnen in nur wenigen Tagen ein seltenes, sehr starkes Vertrauen entgegenzubringen. Ich war glücklich und fühlte mich beinahe wie Zuhause.

Später machte mir Mary, ein 16-jähriges Mädchen, das ebenfalls in der Organisation lebte, Rastazöpfe. Es tat unglaublich weh, denn sie flocht mir ganz fest schwarze Wolle in die Haare. Andere Kinder halfen ihr eifrig. Zwar war ihr Englisch nicht gut, doch fragte ich sie dennoch nach ihrer Familie und warum sie hier leben würde. Sie erzählte mir von ihrer HIV-kranken Mutter, die schon sehr lange mit dieser Krankheit leben musste und vermutlich nicht mehr sehr lange zu leben hätte, da sie jeden Tag schwächer werden würde. Mary blieb trotz dieses Wissens gefasst und flocht heiter weiter, bis meine Haare, die normalerweise sehr fein waren, aus dicken Würsten bestanden. Es gefiel mir, auch wenn ich mich anfangs nicht wiedererkannte, als ich in den dreckigen Spiegel schaute. Natürlich wollte ich Mary für ihre Arbeit bezahlen, doch sie meinte, dass ich das Geld lieber ihrer Mutter geben sollte. Gleich danach fuhren wir mit Mopeds in das nächstgelegene Dorf, wo ihre Mutter lebte. Die Gegend war von Plastikmüll umgeben. Zudem stank es bestialisch nach Abfällen und Abgasen.

In einer kleinen Hütte, die eng an andere Hütten grenzte, saß auf dem Boden eine alte, dürre Frau, die mit langsamen Bewegungen ein Mädchen kämmte. Im kleinen Raum, der finster und sehr unsauber war, stand ein Divan, auf dem nachts fünf Leute schliefen. Dies war auch der Grund, warum Mary in der Organisation untergebracht war. Es war einfach zu wenig Platz in dieser schäbigen Hütte. Mary konnte ihre Familie aber jederzeit besuchen, ohne ihnen Platz wegzunehmen. Es gab kein Fenster, bloß eine Tür, die von einem zerrissenen Vorhang verdeckt wurde. Tabletten lagen auf einem kleinen Holzregal, auch gab es einen Korb mit Bananen und einen Wasserkanister. Ich fragte die Frau, wie viel sie denn benötigen würde, damit sie sich genügend Nahrungsmittel für ihre Kinder leisten konnte und sie nannte mir einen Preis und ich überreichte ihr das Geld (die HIV- Medikamente und die Schulbildung ihrer Kinder bekam sie größtenteils von einer Organisation bezahlt, dennoch reichte das Geld nicht, denn die Kinder und sie waren mager und unterernährt). Sie umarmte mich und wir beteten gemeinsam ein Gebet, dessen Worte ich nicht ganz verstand. Der Sinn war mir jedoch bewusst. Sie betete für die Gaben, die sie von mir bekam und für das Seelenheil ihre Kinder (Mary bestätigte mir den Sinn). Sie umarmte mich erneut und dankte mir in ihrer Sprache.

Danach gingen Mary und ich in die katholische Kirche. Dort sang man anfangs mehrere heitere und aufbauende Lieder, ehe eine Gruppe von niederländischen Missionaren auf einem Whiteboard erklärten, was Gott und Jesus bedeuten würden und was sie alles erschaffen hätten. Sie sprachen über Liebe, Gerechtigkeit und Tod und darüber, dass man niemals den Glauben an Gott verlieren dürfe. Auch wenn Armut, Tod und Krieg über sie hereinbrechen sollte, darf man nicht aufhören zu glauben. Die Menschen jubelten. Später banden sie das Publikum ein, nachdem sie die Frage stellten, was eigentlich Gott für sie alle wäre. Die Menschen antworteten mit Worten wie Liebe, Wahrheit, Gerechtigkeit, Feuer, Glaube, Friede, etc. Alle applaudierten. Man sang weitere Lieder, ehe man die Kirche verließ. Ich war sehr ergriffen, nachdem ich diese eigentümliche Zeremonie verlassen hatte. Es war schön, wenn auch manipulativ. Es half den Menschen sehr, ihr bescheidenes Leben zu akzeptieren.

 

 

 

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